📅 01.10.2026
Du gehst in ein anderes Zimmer und weißt auf einmal nicht mehr, was du dort wolltest. Ein Name liegt dir auf der Zunge, aber er will dir einfach nicht einfallen. Oder du nimmst dein Handy in die Hand und im selben Moment ist der Gedanke weg, wegen dem du es eigentlich genommen hast.
Solche kleinen Aussetzer kennt vermutlich fast jeder. Und trotzdem können sie sich irgendwann anders anfühlen als früher. Der Gedanke, dass dir das in letzter Zeit öfter passiert, kommt dir in den Sinn. Oder du fragst dich, ob dein Gedächtnis tatsächlich nachgelassen hat. Gerade mit zunehmendem Alter kann aus einem vergessenen Namen schnell die Frage werden, ob sich da gerade etwas verändert.
Aber es gibt noch eine andere Seite, die mich in meiner Arbeit interessiert. Denn manchmal ist es gar nicht die kleine Gedächtnislücke selbst, die einen Menschen belastet. Es ist die Bedeutung, die wir ihr geben.
Aus „Mir fällt der Name gerade nicht ein“ wird dann vielleicht „Früher wäre mir das nicht passiert“. Und irgendwann liegt zwischen dem, was wir tatsächlich beobachtet haben, und dem, was wir daraus über uns selbst schließen, ein erstaunlich großer Unterschied. Dann haben wir einen Namen vergessen und denken sofort über unser Alter, unsere Fähigkeiten oder sogar unsere Zukunft nach.
Interessant ist deshalb nicht nur, warum uns etwas entfällt. Mindestens genauso spannend ist, was wir daraus machen. Oder warum uns das so beschäftigt.
Wenn uns ein Name oder ein Wort nicht einfällt, liegt die Erklärung mit zunehmendem Alter schnell nahe: Mein Gedächtnis lässt nach. Tatsächlich verändert sich unser Gedächtnis im Laufe des Lebens. Nur ist das, was dabei in unserem Kopf passiert, wesentlich differenzierter.
Unser Gedächtnis ist keine einzelne Fähigkeit, die über die Jahre einfach immer schwächer wird. Verschiedene kognitive Leistungen entwickeln sich aber unterschiedlich. So kann es beispielsweise länger dauern, eine bestimmte Information abzurufen. Auch die Geschwindigkeit, mit der wir neue Informationen verarbeiten, kann abnehmen. Gleichzeitig bleiben andere Fähigkeiten und Wissensbestände lange stabil. Hinzu kommt, dass sich Menschen auch im Alter sehr unterschiedlich entwickeln.
Ein Name, der uns gerade nicht einfällt, erzählt deshalb zunächst wenig darüber, wie gut oder schlecht unser Gedächtnis insgesamt funktioniert.
Und dann gibt es noch unseren Alltag. Wir verlangen unserem Kopf heute einiges ab. Termine, Nachrichten, Passwörter, Namen, Empfehlungen, Links, Einkaufslisten und all die kleinen Vorhaben, die wir nicht vergessen möchten, begleiten uns durch den Tag. Dazu kommen Informationen, die ständig verfügbar sind und um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren.
Dabei geht es nicht nur um die Menge an Informationen. Manchmal ist schlicht zu viel gleichzeitig los. Wir haben uns zu viele Aufgaben vorgenommen, tragen Verantwortung für andere mit oder versuchen, an alles und jeden zu denken. Gerade Menschen, die viel für andere übernehmen, merken manchmal erst spät, wie voll es eigentlich geworden ist. Vergesslichkeit kann deshalb auch in Zeiten auftreten, in denen wir kognitiv und emotional stark gefordert sind.
Manchmal stelle ich mir unseren Kopf deshalb wie eine Bibliothek vor. Von einer gut sortierten Bibliothek erwarten wir, dass wir darin finden, was wir suchen. Inzwischen soll unser Kopf aber oft gleichzeitig Bibliothek, Kalender, Notizbuch, Nachrichtenzentrale, Navigationsgerät und Suchmaschine sein.
Das beweist nicht, dass wir deshalb mehr vergessen. Aber es verändert den Rahmen, in dem wir unser eigenes Vergessen erleben. Deshalb lohnt es sich, die Frage einmal anders zu stellen: Sind wir tatsächlich vergesslicher geworden oder bemerken wir unser Vergessen heute auch häufiger, weil unser Alltag voller geworden ist?
Darauf gibt es keine einfache Antwort. Und wir können schon gar nicht sagen, ob ein vergessener Name mit dem Alter, einem vollen Tag oder etwas ganz anderem zusammenhängt. Genau darum sollten wir mit vorschnellen Urteilen über das eigene Gedächtnis vorsichtig sein.
Bei aller Vorsicht mit solchen Urteilen sollten wir Veränderungen unseres Gedächtnisses trotzdem ernst nehmen. Kleine Gedächtnislücken gehören zum Leben und können mit zunehmendem Alter häufiger auftreten. Wenn sich das eigene Gedächtnis aber spürbar verändert, sollten wir nicht automatisch davon ausgehen, dass eben das Alter daran schuld ist.
Es gibt viele Faktoren, die unser Gedächtnis beeinflussen können – beispielsweise Schlaf, Stress, die psychische Verfassung, Erkrankungen oder Medikamente. Wer bemerkt, dass Schwierigkeiten deutlich zunehmen, den Alltag beeinträchtigen oder vertraute Aufgaben schwerfallen, sollte das ärztlich abklären lassen.
Denn die eigene Wahrnehmung kann uns sagen, dass sich hier etwas anders anfühlt als früher. Sie verrät uns aber noch nicht, warum das so ist.
Und genau diese Unterscheidung finde ich spannend. Wir können eine Veränderung ernst nehmen, ohne bereits zu wissen, was sie bedeutet.
Häufig geschieht jedoch noch etwas anderes. Wir beobachten nicht nur unser Gedächtnis. Wir beginnen, uns selbst durch unser Gedächtnis zu betrachten.
Aus
„Mein Gedächtnis lässt nach.“
kann dann irgendwann
„Ich lasse nach.“
werden.
Und zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein größerer Unterschied, als es auf den ersten Blick scheint.
„Wir beobachten nicht nur unser Gedächtnis. Wir beginnen, uns selbst durch unser Gedächtnis zu betrachten.“
Tanja Tremmel
„Ich lasse nach.“
Dieser Gedanke kann sich beinahe unbemerkt einschleichen. Vielleicht weil dir ein Name nicht einfällt, den du früher sofort gewusst hättest. Vielleicht weil du zum zweiten Mal etwas suchst, das du eben noch in der Hand hattest. Es ist nur ein kleiner Moment. Und trotzdem vergleichst du dich mit dem Menschen, der du vor zehn oder zwanzig Jahren warst.
Dabei können wir schnell unfair mit uns werden. Denn mit zunehmendem Alter kann das Vergessen eine Bedeutung bekommen, die es früher nicht hatte. Denn mit dreißig ärgern wir uns möglicherweise nur darüber, dass uns ein Name nicht einfällt. Sind wir älter, gesellt sich zu diesem Ärger die Sorge, was dahinterstecken könnte.
Die Gedächtnislücke ist vielleicht dieselbe. Unsere Geschichte dazu ist eine andere.
Dass die eigene Wahrnehmung des Gedächtnisses und seine tatsächliche Leistungsfähigkeit nicht einfach dasselbe sind, zeigt auch die Forschung. Wie wir Veränderungen erleben, kann unter anderem damit zusammenhängen, wie wir über das Älterwerden denken, wie wir unsere eigenen Fähigkeiten einschätzen und welche Sorgen wir mit geistigem Abbau verbinden.
Manchmal hat diese Sorge eine sehr persönliche Vorgeschichte. Vielleicht hast du erlebt, wie die eigene Mutter oder der eigene Vater zunehmend vergesslich wurde. Dann kann ein Name, der dir nicht einfällt, etwas ganz anderes auslösen als bei einem Menschen ohne diese Erfahrung. Für einen kurzen Moment ist vielleicht die Erinnerung daran da, wie es damals begonnen hat. Und schon erzählt die kleine Lücke nicht mehr nur etwas über den heutigen Tag. Sie scheint etwas über die eigene Zukunft zu erzählen.
Genau deshalb interessiert mich in meiner Arbeit nicht nur, dass ein Mensch seine Vergesslichkeit bemerkt. Ich möchte verstehen, was sie für ihn bedeutet.
Manchmal frage ich daher ganz einfach:
Die Antwort darauf kann mit dem Gedächtnis erstaunlich wenig zu tun haben.
Nehmen wir einen Menschen, der sein Leben lang viel Sicherheit daraus gezogen hat, alles im Griff zu haben. Termine, Verpflichtungen, die Familie, den Beruf. Vielleicht war er immer derjenige, der an alles gedacht hat. Wenn diese Selbstverständlichkeit ins Wanken gerät, kann ein vergessener Termin deshalb mehr berühren als das Gedächtnis. Plötzlich funktioniert etwas nicht mehr so zuverlässig, das lange Sicherheit gegeben hat.
Bei einem anderen Menschen führt dieselbe Erfahrung vielleicht an eine ganz andere Stelle. Da ist die Angst, irgendwann auf andere angewiesen zu sein.
Oder die eigene Zuverlässigkeit war über viele Jahre ein wichtiger Teil des Selbstbildes. Dann kann eine Veränderung auch die Frage berühren, wer man eigentlich ist, wenn darauf nicht mehr so selbstverständlich Verlass ist.
Genau deshalb gibt es für mich keinen verborgenen Schlüssel, den man nur finden müsste. Vergesslichkeit bedeutet nicht automatisch, dass jemand ein Problem mit Kontrolle hat. Sie ist auch kein eindeutiger Hinweis auf mangelnden Selbstwert oder ein ungelöstes seelisches Thema.
Daher braucht ein Mensch manchmal einfach eine gute Einordnung. Und nicht jede Sorge führt zu einem tieferen Thema. Doch manchmal lohnt es sich, der eigenen Antwort noch ein Stück zu folgen.
Denn wenn ein Mensch merkt, dass ihm Kontrolle bisher viel Sicherheit gegeben hat, wird eine Frage interessant: Wie sicher kann ich mich fühlen, wenn ich nicht alles im Griff habe?
Wenn die eigene Zuverlässigkeit eng mit dem Bild verbunden ist, das jemand von sich hat, geht es vielleicht irgendwann darum, wie viel vom eigenen Wert daran hängt, weiterhin genauso zu funktionieren.
Und hinter der Angst, sich auf die eigenen Fähigkeiten nicht mehr uneingeschränkt verlassen zu können, kann die nagende Frage liegen: Wie sehr kann ich mir selbst vertrauen, wenn nicht mehr alles selbstverständlich ist?
Das Älterwerden hat für mich deshalb nicht automatisch eine bestimmte Aufgabe oder tiefere Bedeutung. Aber es kann Dinge ans Licht bringen. Fähigkeiten verändern sich, Rollen verändern sich und manchmal auch die Möglichkeiten, mit denen wir bisher gut durch unser Leben gekommen sind. Fragen, für die es lange keinen Anlass gab, können dadurch nun wichtig werden.
In einem therapeutischen Gespräch müssen sich solche Fragen trotzdem nicht groß anfühlen. Oft beginnt es mit etwas ganz Konkretem. Wir schauen gemeinsam darauf, was gerade belastet und was dieser Mensch braucht. Manchmal ist das Information oder Beruhigung. Manchmal geht es darum, eine alte Prägung zu erkennen. Und manchmal führt der Weg noch ein Stück weiter.
Denn hinter der Frage, ob wir noch genauso funktionieren wie früher, kann irgendwann eine andere auftauchen: Wer bin ich eigentlich, wenn ich mich nicht nur über das definiere, was ich kann?
Für mich berührt diese Frage eine Ebene, die über die rein psychologische Betrachtung hinausgehen kann. Meine Sicht auf den Menschen endet nicht bei dem, was wir denken, leisten oder nach außen darstellen.
Wenn wir uns über viele Jahre als zuverlässig, leistungsfähig, unabhängig oder besonders belastbar erlebt haben, können solche Eigenschaften zu einem wichtigen Teil unserer Identität werden. Das ist zunächst nichts Problematisches. Schwierig kann es werden, wenn unser Gefühl für den eigenen Wert davon abhängig wird, diese Eigenschaften jederzeit erfüllen zu können.
Veränderungen können sichtbar machen, wie eng beides miteinander verbunden ist. Dann erschreckt uns vielleicht nicht nur, dass etwas nicht mehr so selbstverständlich gelingt. Es berührt auch die Vorstellung davon, wer wir sind.
In meiner spirituellen Sicht gibt es im Menschen jedoch eine Ebene, die von solchen Zuschreibungen nicht abhängt. Man kann sie Seele nennen. Für mich ist sie nicht daran interessiert, ob wir einem bestimmten Bild von uns aufrechterhalten oder unseren Wert durch Leistung bestätigen. Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, hinter die Rollen und Vorstellungen zu schauen, mit denen wir uns im Laufe unseres Lebens identifiziert haben.
Das bedeutet nicht, dass Vergesslichkeit eine Botschaft der Seele ist. Ich würde aus einem Symptom niemals automatisch eine solche Bedeutung ableiten. Aber wenn eine Veränderung etwas in uns berührt, können wir neugierig darauf werden, was dort sichtbar wird.
Vielleicht entdecken wir einen alten Anspruch, immer alles im Griff haben zu müssen. Vielleicht merken wir, wie viel Sicherheit uns das Gefühl gegeben hat, gebraucht zu werden oder zuverlässig zu funktionieren. Oder wir stoßen auf die Angst, uns selbst nicht mehr vertrauen zu können.
Dann geht es zunächst darum, was ein Mensch braucht, um mit dieser Veränderung gut umgehen zu können. Und manchmal entsteht daraus etwas Weiteres: die Erfahrung, dass Sicherheit nicht ausschließlich davon abhängen muss, alles kontrollieren zu können.
Am Ende bleibt ein vergessener Name ein vergessener Name. Vielleicht fällt er dir fünf Minuten später wieder ein, vielleicht erst am Abend. Und manchmal eben gar nicht.
Was sich verändern kann, ist der Moment dazwischen.
Wenn dir das nächste Mal etwas nicht einfällt, kannst du vielleicht einmal darauf achten, was unmittelbar danach passiert. Bleibt es bei der einfachen Beobachtung, dass der Name weg ist? Oder beginnt daraus schon eine Geschichte über dich zu werden?
Natürlich gibt es Veränderungen, die wir ernst nehmen und abklären lassen sollten. Darüber haben wir gesprochen. Aber wir müssen nicht jede kleine Gedächtnislücke vorsorglich mit einer Bedeutung versehen, die sie vielleicht gar nicht hat.
„Vielleicht beginnt Vertrauen dort, wo wir aufhören, jede kleine Vergesslichkeit gegen uns auszulegen.“
Tanja Tremmel
Über die Autorin: Tanja Tremmel begleitet Menschen dabei, besser zu verstehen, was sie innerlich bewegt und welche Prägungen dabei eine Rolle spielen. Ihre Arbeit verbindet psychotherapeutische Methoden mit einer spirituellen Sicht auf den Menschen. Dabei sucht sie nicht hinter jedem Symptom zwangsläufig nach einer tieferen Bedeutung. Entscheidend ist für sie, was ein Mensch in seiner aktuellen Situation wirklich braucht.
Gelegentlich etwas zu vergessen, kann auch im Alter ganz normal sein. Manche Menschen brauchen zum Beispiel länger, um sich an einen Namen oder eine bestimmte Information zu erinnern. Gleichzeitig verändern sich verschiedene geistige Fähigkeiten unterschiedlich, und auch zwischen Menschen gibt es große Unterschiede. Nicht jede kleine Gedächtnislücke bedeutet deshalb, dass mit dem Gedächtnis grundsätzlich etwas nicht stimmt.
Wenn sich das Gedächtnis deutlich verändert, Schwierigkeiten zunehmen, den Alltag beeinträchtigen oder vertraute Aufgaben auf einmal schwerfallen, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll. Auch Schlaf, die psychische Verfassung, Erkrankungen oder Medikamente können das Gedächtnis beeinflussen. Eine Abklärung hilft deshalb dabei, Veränderungen nicht vorschnell allein dem Alter zuzuschreiben.
Manchmal beunruhigt uns nicht nur das Vergessen selbst, sondern das, was wir damit verbinden. Erfahrungen mit Demenz in der eigenen Familie, Sorgen über das Älterwerden oder das eigene Selbstbild können beeinflussen, welche Bedeutung eine Gedächtnislücke für uns bekommt. Deshalb kann neben der Frage nach der Ursache auch interessant sein, was die Vergesslichkeit ganz persönlich in dir auslöst.